Der Weg von Farid Nikdoost
Der Weg von Farid Nikdoost

Der Weg von Farid Nikdoost

Farid Nikdoost floh aus dem Iran. Ende 2015 kam er in Deutschland an. Kurze Zeit später lernte er Christina Marzluff kennen, die den jungen Mann bis heute auf seinen Weg begleitet. Hier erzählt Farid Nikdoost selbst von seiner Zeit in Deutschland.

Meine erste Zeit in Deutschland
Am 18. November 2015 kam ich in Wesel an. Wir wohnten in Containern und waren knapp 300 Flüchtlinge. Für mich war das alles neu. Wir kamen in der Weihnachtszeit an. Es war sehr schön im Camp mitzuerleben, wie in Deutschland Weihnachten gefeiert wird. Nach ungefähr 50 Tagen im Januar 2016 wurden knapp 30 Flüchtlinge mit mir nach Meerbusch Strümp übergesiedelt und im Pfarrheim der katholischen Kirche einquartiert. Wir kamen aus Afghanistan und dem Iran. Keiner von uns konnte Deutsch. Die Organisation „Meerbusch hilft“ ermöglichte es uns, dass wir dreimal pro Woche Deutschunterricht bekamen. Langsam aber sicher lernten wir deutsch. Hinzu kamen weitere Kontakte mit deutschen Menschen. Während eines Treffens im Pfarrheim kam auch Kassem Aldoleme mit hinzu. Seit dieser Zeit sind wir beste Freunde und helfen uns gegenseitig.

Die „Horror-Meldung“ Abschiebung
Von der evangelischen Kirche lernte ich dann auch Margret Ruth und vom Pappkarton („Hand zu Hand Begegnungszentrum“) Bettina Furchheim kennen. Beide haben sich sehr um uns Flüchtlinge und unsere Termine gekümmert. Zehn Monate nach meiner Ankunft in Meerbusch habe ich Antje Herrmanns kennengelernt. Sie hat mir angeboten, dass ich bei ihr statt im Flüchtlingsheim wohnen könnte. Kurz vor Weihnachten 2016 habe ich dann alle Formalitäten erledigt gehabt und durfte erstmals in einem deutschen Privathaushalt wohnen. Es war sehr schön, endlich ein eigenes Zimmer zu haben. Und dann kam die „Horror-Meldung“. Ich sollte abgeschoben werden. Dadurch war es mir nicht mehr möglich, an den Sprachkursen teilzunehmen. Daraufhin habe ich im Selbststudium und zusammen mit Antje Herrmanns meine Sprachkenntnisse weiter ausgebaut, bis hin zur Prüfung auf Sprachniveau B1. Für mich war es sehr gut, mit vielen Deutschen in Kontakt zu stehen, denn dadurch habe ich sehr viel schneller und sehr viel besser Deutsch gelernt.

Christina Marzluff und Farid Nikdoost

Erstes Kennenlernen mit Christina
Im Januar 2017 wollte ich zum Gottesdienst in die evangelische Kirche gehen. Leider hab ich mich ein wenig verspätet. Und als ich eintraf, wurde mir Christina Marzluff vorgestellt. Sie machte gleich ein Foto von mir, damit sie mich beim nächsten Treffen wiedererkennen würde. Christina hat sich in der Folgezeit sehr um mich gekümmert. Geht nicht, gibt es bei ihr nicht. Sie hat sehr schnell das Wissen über die Vorgehensweise bei der Integration von Flüchtlingen zusammengestellt. Sie fuhr mehrmals mit mir zur Ausländerbehörde und hat mir ermöglicht zusammen mit ihrem Mann nach Berlin zu reisen. Dort haben wir bei einer iranischen Ärztin gewohnt, die auch mit siebzehn Jahren nach Deutschland gekommen ist. Sie hat mir viel erzählt, zum Beispiel wie man in Deutschland erfolgreich seine Zukunft aufbauen kann. Weiterhin hat Christina ermöglicht, dass ich an einem Kanu-Training beim Uerdinger Kanu-Verein teilnehmen konnte. Sie sorgte auch dafür, dass ich bei einem Biomarkt ein Praktikum machen konnte. Eigentlich wollte das geschäftsführende Ehepaar des Biomarkts keinen Auszubildenden mehr einstellen, weil man sehr schlechte Erfahrungen – auch mit deutschen Azubis – gemacht hatte. Die Ergebnisse des Praktikums sowie Christina’s Wille, mir einen Ausbildungsplatz zu ermöglichen, führten dazu, dass ich einen Ausbildungsvertrag vom Biomarkt erhielt. Seit eineinhalb Jahren bin ich nun in der Ausbildung. Die Arbeit, der Kontakt mit all den verschiedenen Kunden sowie dem Team machen mir sehr viel Spaß.

Christina motivierte mich immer wieder
Irgendwann nach dem Start der Ausbildung hat Christina mir die Leviten gelesen. Ich hatte nicht so ganz wahrhaben wollen, dass man für eine Ausbildung lernen muss. Der Unterrichtsinhalt wurde in einem anderen Deutsch vermittelt, als dass, was man mit Freunden spricht. Christina hat mir klargemacht, dass ich zu lernen habe und sie nicht für mich lernen kann. Das habe ich dann auch einige Zeit nachher erkannt und seither lerne ich intensiv für mich. Antje Hermanns, die mich aufgenommen hatte, ist sehr schwer krank geworden. Ich habe mich in den letzten zwei, drei Monaten vor ihrem Tod sehr um sie gekümmert – sowohl bei ihrem Aufenthalt zu Hause als auch im Krankenhaus. Inzwischen ist sie verstorben. Für mich war die Trauerfeier der erste wirklich traurige Anlass in Deutschland. Es war ein sehr schwieriger Gang, aber Christina war an meiner Seite. Sie mochte Antje auch sehr. Die gemeinsamen Erben von Antje wollen das Haus verkaufen, so dass ich dort nicht mehr weiter wohnen durfte. Ein befreundetes Ehepaar von Christina ermöglichte es mir, dass ich nun in einem wunderschönen Haus wohne. Aktuell erlerne ich neben meiner Ausbildung Englisch.

Ganz herzlich bedanken möchte ich mich bei Antje Herrmanns, Frau Christina Marzluff, Jörg Wartchow sowie Kassem Aldoleme und all denjenigen, die mich in Deutschland kennengelernt und unterstützt haben.

(Autor: Farid Nikdoost)

 

Anmerkung der Redaktion
Der Text entstand im Rahmen eines Projekts des Deutschen Caritasverbandes unter dem Titel „Gute Beispiele der Teilhabe. Integrationsgeschichten“.

Weitere Integrationsgeschichten aus Nordrhein-Westfalen und ganz Deutschland finden Sie hier: www.caritas.de/integrationsgeschichten. Bis Jahresende können weitere Geschichten beim Deutschen Caritasverband eingereicht werden.

 

 

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