René Kastner-van Raay und das Meerbuscher Stadtarchiv entschlüsseln gemeinsam Spuren der Heimatgeschichte.

Wenn Stadtarchivar Michael Regenbrecht einen Blick in die Glasvitrine im Treppenhaus des Stadtarchivs wirft, muss er schmunzeln: „Es ist schon phänomenal, wieviele Facetten lokaler Vergangenheit ans Tageslicht kommen, wenn man nur wenige Zentimeter unter der Erdoberfläche sucht.“ René Kastner-van Raay aus Büderich hat genau dies zu seinem Hobby gemacht. Seit rund drei Jahren ist der 46-jährige Sondengänger in seiner Freizeit regelmäßig mit seinem hochsensiblen Metalldetektor am Meerbuscher Rheinufer unterwegs, um das Erdreich und Sandstreifen am Wasser nach Metallteilen zu durchsuchen. Die Fläche, wo er auf Entdeckungsreise gehen darf, ist ordnungsbehördlich genehmigt. Die „Schatzsuche“ im Umfeld von Denkmälern ist allerdings tabu. „Hier bewegt man sich schnell im Bereich der so genannten Raubgrabung und begeht damit eine Straftat“, betont Kastner-van Raay. Die Palette der Fundstücke, die der Büdericher seit seinen ersten Testgängen vor drei Jahren ans Tageslicht geholt hat, ist faszinierend. „Der Boden ist eine Wundertüte und ein offenes Buch“, sagt er. „Man braucht allerdings Geduld und darf nicht allzu leicht enttäuscht sein, wenn der Detektor bei einer Wanderung mal gar nicht anschlägt.“ Wenn das Gerät aber tatsächlich laut piepend Spuren von Metallverbindungen aller Art im Erdreich meldet, schlägt das Herz des Sondengängers schneller. „Das ist immer der spannendste Moment.“

Die Erfahrung zeigt: Banale Hinterlassenschaften der neuzeitlichen Konsumgesellschaft sind häufig Auslöser des Suchalarms: Massen von halb verrotteten Kronkorken, Hülsen von E-Zigaretten, alte Besteckteile, Bleigewichte von Angeln, achtlos weggeworfene Batterien oder verlorener Billigschmuck – „Beifunde“ nennt Kastner-van Raay das. „Solchen Wohlstandsmüll sammeln wir bei der Suche gleich mit auf und entsorgen das Zeug. Auf diese Weise kann ich zugleich einen kleinen Beitrag zum Umweltschutz leisten.“
Glänzende Augen bekommt der 46-Jährige allerdings, wenn er seine ausgefallensten Funde zeigt: Münzen aus römischer und fränkischer Zeit, Silbergroschen mit dem Prägedatum 1843, Zesterzen und Heller oder das Knickvisier einer „Luga 08“, einer Offizierspistole der deutschen Wehrmacht aus dem Zweiten Weltkrieg. Auch Munitionshülsen von amerikanischen Flugzeugbordgeschützen oder eine mit Sand und Steinchen verbackene „Astra“-Pistole, hergestellt in Spanien 1956, hat der ehemalige Zeitsoldat schon im Rheinsand entdeckt. Einschlägige Internetforen helfen ihm bei der Identifizierung und liefern auf einen Klick reichlich Hintergrundinformationen. „Bei Waffen- und Munitionsfunden ist es allerdings vorgeschrieben, aus Sicherheitsgründen sofort Ordnungsbehörde und Polizei zu informieren“, betont Kastner-van Raay. „Auch Weltkriegsrelikte können noch gefährlich sein.“
Bei wertvollen Münzfunden kommt die Denkmalbehörde des Landschaftsverbandes Rheinland (LVR) ins Spiel. Hier liefert der Büdericher einmal im Jahr seine „Schätze“ zur Untersuchung ab. Die Archäologen sichten das Material und tragen den Fundort in Spezialkarten ein. „Auf diese Weise können zum Beispiel auch historische Handelswege dokumentiert und belegt werden“, erklärt Michael Regenbrecht. Weniger wertvolle Stücke kann der Metallsucher nach einem Jahr wieder abholen und behalten – oder sie landen im Meerbuscher Stadtarchiv im Erwin-Heerich-Haus. „Für uns sind diese auf den ersten Blick unscheinbaren Dinge neben all‘ den Papierdokumenten, die wir aufbewahren, ein schönes Anschauungsmaterial“, so der Archivar. „Denn jedes Stück erzählt eine kleine Geschichte.“ Die Zusammenarbeit mit René Kastner-van Raay will er auf jeden Fall fortsetzen. Archivbesucher dürfen also gespannt sein.

